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Belletristik

Gegenwindschiff

Jaan Kross

Der Hamburger Osburg-Verlag überrascht in regelmäßigen Abständen mit literarischen Entdeckungen – diesmal mit der Übersetzung eines bereits 1987 erschienenen biographischen Romans des großen estnischen Schriftstellers Jaan Kross (1920–2007), der das Leben des Optikers, Astronomen und Erfinders Bernhard Schmidt (1879–1935) zum Thema hat. Der Autor räumt im Vorwort ein, dass er sich am Ende ausgiebiger Recherchen über Schmidts Leben und intensiven Gesprächen mit noch lebenden Bekannten dennoch für einen literarischen Umgang und die Freiheiten der Romanform entschieden hat. Im Roman selbst wird die ambivalente Annäherung des Autors an seinen Helden nachvollzogen, indem die Rekonstruktion von Schmidts Lebensgeschichte durch Berichte von Kross‘ Recherchen, Begegnungen und Unterhaltungen unterbrochen und angereichert wird.

Bernhard Schmidt wurde auf der estnischen Ostseeinsel Naissaar (Nargen) geboren, die seine Weltsicht geprägt hat und auf die er zeitlebens immer wieder zurückgekehrt ist. Beim Experimentieren mit Schießpulver verlor er als Kind seine rechte Hand, ungeachtet dessen entwickelte er eine überragende Meisterschaft bei der Herstellung von Linsen und Präzisionsspiegeln. Das nach ihm benannte Schmidt-Teleskop markiert einen Meilenstein der modernen Astronomie. Nach einem Studium am Technikum in Mittweida wirkte Schmidt zunächst über Jahrzehnte in der sächsischen Provinzstadt bevor er als Mitarbeiter an die Sternwarte in Hamburg-Bergedorf ging. Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit als Präzisionsoptiker experimentierte er auf dem Greifswalder Bodden mit dem von ihm konstruierten Gegenwindschiff, das dank eines speziellen Propellers ohne weitere Antriebsmaschine gegen den Wind fuhr. In Kross‘ Roman wird dieses Projekt zur Parabel auf das Lebensprojekt seines Erfinders mit allen dazugehörigen Verwerfungen und privaten Problemen – ein meisterhaftes Buch, das den Leser, der einmal darin eingetaucht ist, nicht so leicht wieder loslässt.