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Belletristik

Der andere Ort

Rachel Cusk

Der kammerstückartige neue Roman der unterdessen in Paris lebenden, kanadisch-englischen Autorin Rahel Cusk lohnt sich allein schon für den Genuss ihres kristallklaren Sprachstils, fasziniert indes gleichermaßen dank der subtilen psychologischen Konstellation der Protagonisten: Eine Frau schreibt an einen von ihr verehrten berühmten Maler und lädt diesen zu einem Sommeraufenthalt im Nebengelass ihres eigenen Hauses an einer entlegenen Küste ein, wo sie gemeinsam mit Mann und Tochter wohnt. Die Einladung bleibt eine Weile im Vagen, doch als eine weltweite Pandemie zu einbrechenden Preisen am Kunstmarkt führt, reist der verehrte Maler tatsächlich an. Allerdings  kommt er nicht allein, sondern in Begleitung einer jungen Geliebten, und in der Folgezeit wird die familiäre Ruhe heftig und auf ganz andere Weise aufgemischt, als sich die Gastgeberin dies gedacht hat – bis hin zu regelrechten Demütigungen, die sie von Seiten des Malers  über sich ergehen lassen muss. Einer Anmerkung am Schluss ist zu entnehmen, dass der Geschichte eine wahre Begebenheit als Vorlage gedient hat, die eine Verehrerin des Schriftstellers D.H. Lawrence über eine Begegnung mit diesem 1922 in New Mexico erzählt.