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Giorgio Agamben über künstliche Intelligenz und natürliche Dummheit

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben (Jahrgang 1942) mutet mit seinen scharfsinnigen, vom Zeitgeist unbeeindruckten Analysen aktueller Phänomene und Diskurse manchmal wie der „letzte Mohikaner“ einer im Aussterben begriffenen Geisteswissenschaft an. Der Internet-Blog <quodlibet.it> erfreut seine Leser regelmäßig mit kürzeren oder ausführlichen philosophischen Wortmeldungen Agambens sowie geistreichen Zwischenrufen zur aktuellen Lage. Am 12. Oktober 2025 erschien dort seine Glosse zur Debatte über „künstliche Intelligenz“, die wir nachfolgend übersetzen. Der Originaltitel lautet Sull’intelligenza artificiale e sulla stupidità naturale.

Über die künstliche Intelligenz und über die natürliche Dummheit

„Ein Zeitalter der Barbarei beginnt, die Wissenschaften werden ihm dienen!“ Die Ära der Barbarei ist noch nicht vorbei und Nietzsches Diagnose hat sich heute exakt bestätigt. Die Wissenschaften sind achtsam genug, jedem Bedarf der Epoche entgegenzukommen, wo nicht vorauszueilen, sodass sie, als jene sich anschickte, Willen und Denkfähigkeit aufzugeben, augenblicklich ein Gerät namens „Künstliche Intelligenz“ (kurz KI) bereitgestellt haben. Der Name ist irreführend, denn das Problem der KI liegt nicht darin, künstlich zu sein (da ein Gedanke untrennbar mit Sprache verbunden ist, hat er immer einen Aspekt von Kunst oder Künstlichkeit), sondern vielmehr darin, außerhalb des Geistes des denkenden bzw. denken sollenden Subjekts situiert zu sein. Darin ähnelt sie dem vom einzelnen Menschen abgetrennten Intellekt im Konzept von Averroes, der dem genialen andalusischen Philosophen zufolge für alle Menschen ein und derselbe ist. Für Averroes war das Problem folglich das der Beziehung zwischen dem einzigen Intellekt und dem einzelnen Menschen. Wenn die Intelligenz von den einzelnen Individuen getrennt ist, auf welche Weise kann sie sich mit ihnen verbinden und ihnen ermöglichen zu denken? Die Antwort von Averroes lautet, dass der Einzelne mit dem von ihm abgetrennten Intellekt vermittels der Einbildungskraft kommuniziert, die individuell bleibt. Es ist zweifellos ein Ausdruck der Barbarei der Epoche und ihres absoluten Mangels an Einbildungskraft, dass dieses Problem in Zusammenhang mit der künstlichen Intelligenz gar nicht aufgeworfen wird. Tatsächlich würde sich das Problem nicht stellen, wenn es sich um ein einfaches Instrument wie einen mechanischen Rechner handelte. Wenn man hingegen den Tatsachen entsprechend annimmt, dass die KI denkt wie der abgetrennte Intellekt von Averroes, dann ist das Problem der Beziehung mit dem denkenden Subjekt nicht zu vermeiden. Bazlen hat gelegentlich bemerkt, dass die Intelligenz heutzutage in die Hände von Dummköpfen gefallen ist. Womöglich besteht das grundlegende Problem unserer Zeit also darin: Auf welche Art kann ein Dummkopf – will sagen ein Nicht-Denkender – in eine Beziehung mit einer Intelligenz treten, die behauptet, außerhalb von ihm zu denken?

Den italienischen Originaltext siehe: https://www.quodlibet.it/giorgio-agamben-sull-u2019intelligenza-artificiale-e-sulla-stupi

Unter den jüngst auf Deutsch erschienenen Büchern Agambens empfehlen wir die beiden Titel Wenn das Haus brennt. Vom Dialekt des Denkens – eine im MerveVerlag erschienene Sammlung von philosophischen Aphorismen und Denkstücken über Zivilisation, Sprache, Wahrheit, Macht und „nacktes Leben“ – sowie Was ich sah, hörte, lernte… – einen zwischen Essayistik und Prosaminiaturen changierenden Band mit autobiographischen Reflexionen, Leseerfahrungen und Natur- bzw. Selbstbeobachtungen aus dem SonderzahlVerlag. Unverändert lesenswert sind auch Agambens hellsichtige Aufsätze zur Corona-Politik aus den Jahren 2020 und 21, die der Wiener Verlag Turia + Kant unter dem Titel An welchem Punkt stehen wir. Die Epidemie als Politik publiziert hat. Alle drei Bücher sind in unserer Buchhandlung vorrätig und mit Ende unserer Urlaubspause ab Freitag, den 6.3.2026 auch wieder erhältlich.