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Sachbücher und Bildbände

Inseln. Geschichte einer Faszination

Volkmar Billig

Inselvorstellungen und damit verknüpfte utopische, exotische, idyllische und erotische Assoziationen spielen in der Literatur- und Kunstgeschichte ebenso wie in der Sprach- und Alltagspraxis eine außerordentliche Rolle. Das vorliegende Buch ist nicht nur ein Streifzug durch die Geschichte der Inselphantasien, es zeigt und erklärt auch unsere auf Inseln gerichteten Projektionen und ihre Verflechtung mit epochalen Diskursen und Diskursverschiebungen. Der Autor geht den Verwandlungen, Transformationen und immer neuen Lesarten insularer Fantasien nach. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche historischen Zuschreibungen an Inseln und welche spezifischen Konstellationen des modernen Denkens sich in der bis auf den heutigen Tag anhaltenden Inselfaszination begegnen.

In Helmut Mörchens Besprechung des Buches im Deutschlandfunk heißt es dazu:

„Überhaupt ist Billigs Buch vor allem anregend, manches wieder zu lesen oder auch neu zu entdecken. Der zeitliche Bogen umspannt 4000 Jahre, von altägyptischen Reiseerzählungen aus vorhomerischer Zeit bis zu Inseln im Internet heute, etwa dem Cyberplaneten Calypso. Dass der Leser durch die Fülle des Materials nicht erschlagen wird, ist der Portionierung in die anregend übertitelten 26 kleinen Kapitel zu verdanken. Am besten man blättert vor und zurück und erfreut sich an dem einen oder anderen der schönen Fundstücke.

Das Problem seines enzyklopädischen Verfahrens hat im Übrigen der Autor selbst erkannt und offensiv auf die Hörner genommen. Bevor er den ersten eigenen Gedanken formuliert, lässt er Ernst Jünger augenzwinkernd zu Wort kommen:

Über Inseln lässt sich viel erzählen, und man findet leichter den Anfang als das Ende dabei. Ich entsinne mich der Unterhaltung mit einem jungen Freunde, der eine Monografie ‚Die Insel‘ zu schreiben beabsichtigte. Ich musste ihm abraten, denn der Stoff ist so gewaltig, dass er gelehrte Gesellschaften in Atem halten kann. Inseln gibt es nicht nur wie Sand am Meere, sondern alles ist Insel, auch die Kontinente, und selbst die Erde ist ein Inselchen im Äthermeer.

Wir dürfen uns freuen, dass Volkmar Billig sich nicht hat abschrecken lassen. Und dem Leser, dem es während oder nach der Lektüre seiner Studie nicht mehr nach einer Insel oder nach dem sprichwörtlich einen Buch auf der Insel gelüstet, gibt er das wunderbare Anti-Insel-Gedicht Gottfried Benns „Gefilde der Unseligen“ mit auf den Weg:

Satt bin ich meiner Inselsucht.
des toten Grüns, der stummen Herden;
ich will ein Ufer, eine Bucht,
ein Hafen schöner Schiffe werden.

Und alles will in fremdes Blut
aufsteigen und ertrunken treiben
in eines andern Lebensglut,
und nichts will in sich selber bleiben.


So ist es dem Verlag Matthes & Seitz mit Billigs Buch wieder einmal gelungen, dem geneigten Publikum ein Stück fröhlicher Wissenschaft anzubieten.“ (DLF, 17.2.2011)