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Insel- und Küstenkrimis

Die Hand von Odessa

Sally McGrane

Die US-amerikanische Autorin Sally McCrane ließ es sich schon in ihrem Roman Moskau um Mitternacht gefallen, postsowjetische Atmosphäre und amerikanische Geheimdienste bzw. Kriminalität und Humor zu mixen. Dabei entspringen die Szenarien ihrer Romane nicht der überbordenden Phantasie einer Schriftstellerin aus dem fernen Amerika, sondern vielmehr eigenen Reiseimpressionen und -erfahrungen. Das trifft auch auf den Schauplatz ihres neuen Krimis Die Hand von Odessa zu, den sie über weite Strecken vor Ort in der Schwarzmeermetropole zu Papier gebracht und den der Dresdner Verlag Voland & Quist jetzt in deutscher Übersetzung vorgelegt hat. Gleichwohl McCranes Aufenthalt und auch die Handlung ihres Romans in die Zeit vor dem Ukraine-Krieg datieren, sind die politische Eskalation und Kriegsgefahr darin lebhaft zu spüren, gleichermaßen die korrupte und kriminelle Schattenwelt der Stadt.

Die dem Roman den Titel gebende „Hand“ ist die an den Strand gespülte Hand des umstrittenen Gouverneurs Grischa, der nicht nur im Roman, sondern auch ganz real georgischer Präsident gewesen und nach seinem Sturz in die Ukraine geflohen ist. Gleichwohl die Hand ihm per Muttermal zugeordnet werden kann, hat er die seine aber dem Anschein nach gar nicht verloren. Was im Zeitalter von genetischen Klonen und Stammzellenforschung wiederum nicht viel heißen muss: Für den Ex-CIA-Agenten Max Rushmore, der vor Ort ist, um an einem Kongress über hybride Kriegsführung teilzunehmen, gibt es jedenfalls bald Gründe genug, dieser mysteriösen Angelegenheit nachzugehen und die Unterwelt Odessas genauer in Augenschein zu nehmen. Als die eigentlichen Helden des Romans erweisen sich im weiteren Verlauf die Stadt selbst und ein auf den Namen „Smiley“ hörender Kater, den seine Unerschrockenheit, Beobachtungsgabe und Eloquenz zum Erzähler prädestinieren. Und nicht zuletzt die Schriftsteller vom Rang eines Nikolai Gogol und Isaak Babel, die zum besseren Erbe von Odessa gehören und gleichsam zwischen den Zeilen dieser Groteske in Romanform die literarischen Strippen ziehen.